Anatomie


Kapitel

Allgemeines

Haut und Haarkleid

Kauapparat



Allgemeines

Anatomie ist die Lehre vom Aufbau des Organismus. Das Verständnis für die Vorgänge im Körper ist hilfreich um das Verhalten und die Bedürfnisse eines Tieres zu verstehen.

Dabei beschreibt die Anatomie die Gestalt (Morphologie) des Organismus und seiner Gewebe (Histologie) ebenso wie deren Entwicklung (Embryologie). Der Organismus lässt sich nach verschiedenen Aspekten in Regionen oder zusammenhängende Organsysteme gliedern.

Unterteilung nach Organsystemen:

  • Bewegungsapparat
    • Skelettsystem
    • Skelettmuskulatur
  • Blut und blutbildende Organe
  • Endokrines System
  • Haut und Hautanhangsgebilde
  • Herz-Kreislauf-System
  • Immunsystem
  • Lymphatisches System
  • Nervensystem
  • Respiratorisches System
  • Sinnesorgane
  • Urogenitalsystem
  • Verdauungsapparat



Unterteilung nach topografischen Aspekten:

  • Kopf und Hals
  • Rumpf
  • Brustorgane
  • Bauchorgane
  • Urogenitalorgane
  • Obere Extremität
  • Untere Extremität



Haut und Haarkleid

Die Haut ist funktionell das vielseitigste Organ. Sie schützt vor schädigenden Einflüssen aus der Umwelt und hat Barrierefunktion. In der Haut finden sich Zellen des Abwehrsystems und Rezeptororgane (Schiebler & Korf 2007).

Die Haut besteht nach Schiebler & Korf (2007) aus:

  • Epidermis (Oberhaut)
  • Dermis, Corium (Lederhaut)
  • Subkutis (Unterhaut)
  • Hautanhangsgebilden
    • Drüsen
    • Haare
    • Nägel
    • Hörner

Haare sind lange Hornfäden, die im wesentlichen aus Keratin bestehen. Keratin besteht aus wasserunlöslichen Faserproteinen. Das Haar ist grob aus drei Schichte aufgebaut: Cuticula, Cortex und Medulla. Die Cuticula besteht aus aus 6 Schichten flachen, übereinandergreifenden, verhornten, abgestorbenen Zellen. Diese sind ähnlich zur Haarspitze orientiert wie bei einem Tannenzapfen. Beim gesundem Haar liegt die Schuppenschicht flach an und ergibt so eine glatte, durchscheinende Oberfläche. Das Licht wird optimal reflektiert und ergibt so den gesunden Glanz des Haares. Der Cortex besteht aus Faserbündeln, die aus einer großen Zahl feinster Keratinfasern, den Fibrillen, bestehen. Im Zentrum, der Medulla, finden sich Bereiche mit starker Auflockerung der Faserstruktur, teilweise sind Hohlräume zu erkennen.

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Haarschichten. Im Querschnitt sind drei verschiedene Schichten zu erkennen. Die äußere Cuticula besteht aus schuppenartig angelegten, abgestorbenen Zellen. Es folgt der Cortex auch Kreatinfasern und im inneren das Haarmark.

Man unterscheidet:

  • Fellhaare (Capilli): Fellhaare bilden den Hauptteil des Fells. Jedes Fellhaar wird als Primärhaar von einer Gruppe dicht aneinander stehender Wollhaare (Sekundärhaare) umgeben
    • Leithaare sind große, kräftige und längere Haare, die von mehreren Nebenhaaren umgeben werden
    • Grannenhaare weisen an ihrem Ende eine kolbenartige Verdickung ähnlich einer Granne auf
  • Borstenhaare (Setae): Hierbei handelt es sich um steife Deckhaare (Fellhaare) mit einer gespaltenen Spitze. Bei Schweinen bilden sie das Haarkleid, ansonsten dienen sie als Schutz und werden je nach Lokalisation unterteilt in
    • Wimpern (Cilia)
    • Gehörgangshaare (Tragi)
    • Nasenhaare (Vibrissae)
  • Wollhaare (Pili lanei): Sie sind dünn, gekräuselt und besitzen kein Haarmark. Sie besitzen je nur eine Talgdrüse und keinen Haarbalgmuskel Sie bilden das Unterfell (Unterwolle), welches vor allem als Wärmeisolierung dient
  • Langhaare: Besitzen eine besonders lange Wachstumsphase. Sie sind besonders dick und wenig verformbar
  • Vibrissen (Tasthaare) mit einem speziellen Haarbalg (Follikel), der zwischen seiner äußeren und inneren Lage eine blutgefüllte Kapsel enthält, den so genannten Blutsinus und zahlreiche freie Nervenenden in der Wand enthält
Abbildung 2: Haararten. Leit- Grannen und Flaumhaare eines Normalhaarkaninchens


Haare entstehen im unteren Bereich der Lederhaut das Haar an der Haarpapille. Dort lagern zahlreiche Melanozyten, die ihre Pigmente an das entstehende Haar abgeben. Keratinreiche Hornzellen wandern nach oben und bilden dabei den Haarschaft, welcher sich innerhalb des Follikels zur Hautoberfläche schiebt. Der Haarschaft befinden sich in einer länglichen Einstülpung der Oberhaut, dem Haarfollikel oder Haarbalg, an dessen unteren Ende das Haar in der Haarwurzel gebildet wird. Dort mündet eine Talgdrüse, teilweise auch eine Duftdrüse.

Der Haarfollikel unterliegt während seines gesamten Lebens einem ständigen Wechsel von massivem Wachstum bzw. Differenzierung (Anagen), Organrückbildung (Katagen) und Ruhestadium (Telogen) unterliegt. Während der Wachstumsphase geschieht die eigentliche Haarproduktion. Es kommt zum Aufbau und zur vollen Reifung des Haarfollikels, anschließend wird durch ständige Teilung epithelialen Zellen das Haar gebildet. Wenn das Wachstum des Haares abgeschlossen ist kommt es zu einer Rückbildung und die Haarpapille bewegt sich aufwärts. Es folgt das Ruhestadium. Durch entfernen des Haares kann das Wachstum erneut ausgelöst werden (Bläsing 2002).

Abbildung 3: Entwicklung der Haare. In ersten Phase (Anagen) kommt es zum Wachstum eines neuen Haares. Es folgt die zweite, katagene Phase in der sich das Organ zurückbildet. Im Telogen liegt das Organ im Ruhestadium vor.

Die Haardichte wird durch die Anzahl der aktiven Haarfollikel beeinflusst. Nach Schlolaut (2003) wird die Anzahl bei Angorakaninchen durch erbliche Veranlagung sowie die Fütterung mit bedingt. Nach Credille et al. (2002) ist die Anzahl der Haarfollikel bei Hunden bei der Geburt gering und nimmt im Laufe des Wachstums zu. Beim Toy Pudel und Husky vergrößert sich die Anzahl der Haarfollikel zwischen der 10. und 28. Lebenswoche um 50 %, beim Labrador-Retriever um 30 %. Credille et al. (2002) zeigt zudem dass bei 7. Monate alten Labrador-Retrievern und Huskys 50 % der Haarfollikel im Ruhestadium sind, bei Toy Pudeln 10 %.


Viele Tierarten passen ihr Haarkleid den Umweltbedingungen entsprechend an. Es können dabei Eigenschaften wie Farbe und Dichte verändert werden. Unterschieden wird in Winter- und Sommerfell. Das Winterfell kann dabei aus zahlreichen gekräuselten Wollhaaren bestehen, die eine stehende Luftschicht bilden und so einen raschen Wärmeverlust des Körpers verhindern. Auch ein dichtes, kurzes Unterfell, das bei Bedarf unter dem groben äußeren Fell aufgestellt wird, ist möglich.

Nach Steinlecher (2009) umfasst die Kontrolle des saisonalen Fellwechsels vermutlich komplexe Interaktionen verschiedener Hormone und wurde bisher noch für kein Säugetier vollständig charakterisiert. Länge, Dichte, Farbe, Wachstumsgeschwindigkeit der Haare werden hierbei von verschiedenen Hormonen beeinflusst. Sowohl photoperiodischen und nicht-photoperiodischen Regulationsmechanismen sind möglich, wobei die Mechanismen je nach Tierart variieren können. So beeinflussen Steroidhormonen, zu denen auch die Sexualhormone zählen, den Haarzyklus, weshalb eine Kastration beschleunigend das Haarwachstum wirkt. Hingegen wird das Haarwachstum durch Hormone wie Testosteron oder Estradiol bei Ratten und Mäusen verzögert. Hormone der Nebennierenrinde (gebildet werden hier Aldosteron, Cortisol/Cortison und Sexualhormone) vermindern den Haarwechsel; Adrenalektomie (entfernen der Nebenniere) beschleunigt ihn. Schilddrüsenhormone (T3 und T4) aktivieren das Haarwachstum.

Der Einfluss von Licht konnte bei Tierarten wie dem Hermelin, Schneehasen und Dsungarischen Zwerghamstern nachgewiesen werden. Im Gegensatz zu anderen Umweltreizen wie Temperatur spiegelt Licht den Wandel der Jahreszeiten mit astronomischer Präzision wider. Da sich die Tageslänge sehr systematisch ändert ist eine Anpassung weit im Voraus möglich. Auch wird durch die Richtung der Änderung eindeutig die kommende Jahreszeit definiert. Abnehmende Tageslänge sind eine Ankündigung für Herbst und Winter, während zunehmende Tageslänge auf Frühjahr und Sommer hinweisen. Dieses photoperiodische Signal wird gemessen und in das Hormon Melatonin übersetzt (Steinlecher 2009). Schlolaut (2003) weißt auf geringeres Längenwachstum der Haare von Angorakaninchen durch hohe Temperaturen und eine geringe Abweichung bedingt durch den Lichteinfluss hin.

Sobald der Haarwechsel beginnt schrumpft der Haarfollikel und an einem unteren Ende bildet sich eine neue Haarpapille. Dann kann ein neues Haar wachsen. Fehlen die nötigen Nährstoffe oder soll das Fell für den Sommer weniger Dicht bleiben wird ein Teil der Haare abgestoßen ohne dass sich neue Haare bilden. Betroffen sind vor allem Wollhaarfollikel, weniger die Grannenhaare. Eine Aktivierung erfolgt erst wieder im Herbst oder bei einer Verbesserung der Nährstoffversorgung (Schlolaut 2003).

Merke!
  • Hormone und Umweltfaktoren beeinflussen das Haarwachstum. Haltung, Kastration oder auch Erkrankungen wie Beispielsweise Schilddrüsenunterfunktion oder auch Schilddrüsenüberfunktion können die Qualität des Felles verändern.



Kauapparat

Zum Kauapparat gehören die Zähne, Zahnfleisch, Kiefergelenk und die Kaumuskeln. Die Zähne bilden das Gebiss. Im Kiefer haben die Zähne abhängig von ihrer Stellung unterschiedliche Funktionen und Aufgaben, wodurch sie sich in ihrer Form unterscheiden können.

Das Gebiss der Säugetiere ist heterodont, also aus verschiedenen Zahnformen bestehend. Das Gebiss besteht aus:

  • Schneidezähne: Dentes incisivi, Incisivi
  • Eckzähne: Dentes canini, Canini
  • Vormahlzähne: Dentes praemolares, Prämolare
  • Mahlzähne: Dentes molares, Molaren
Urheber: Phil Myers; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013)
Abbildung 3: Gebiss eines Wolfes (Canis lupus). Mit Incisivi (Incisors), Canini (Canine), Prämolaren (Premolares) und Molaren (Molars)


Echte Zähne bestehen aus der Zahnkrone, dem Zahnhals und der Zahnwurzel. Der Zahn ist zudem aus mehreren Schichten aufgebaut. Außen liegt der Zahnschmelz, der wie eine Glasur das innen liegende Zahnbein (Dentin) bedeckt. Das Dentin schließt das Zahnmark (Pulpa). Die Wurzel wird bis zum Zahnhals von Zahnzement (Cementum) und Wurzelhaut umschlossen.

Die vermutliche Urform der Zähne besteht aus einer kegelförmigen Krone, anschließendem Hals und einer einfachen Wurzel. Diese Form gibt es in verschiedenen Modifikationen.

Bei rezenten (gegenwärtigen) Säugetieren lassen sich nach Fritz (2007) verschiedene Backenzahnformen unterscheiden:

  • sekodont: spitze, scharfe Höckern; auf das Schneiden von Fleisch ausgelegt, hauptsächlich bei Fleischfressern
  • bunodont: Zahnkronen mit Höckern versehen, auf Mahlfunktion ausgelegt; bei Allesfressern
    • oligobunodont: 4 Höcker
    • polybunodont: mehr als 4 Höcker
  • bei Pflanzenfressern lassen sich aufgrund der Schmelzstruktur folgende Zahntypen unterscheiden:
    • selenodont: sichelmondförmige Schmelzeinstülpungen (Wiederkäuer)
    • lophodont: kammartig strukturierte Kaufläche mit parallel zur Quer- oder Längsseite des Zahns verlaufenden Leisten (Tapire, Seekühe, Einhufer und viele Nager)
    • loxodont: kammartig strukturierte Kaufläche mit schräg verlaufenden Leisten. Die Zähne sehen dabei aus wie ein Waschbrett. (afrikanischer Elefant, Wasserschwein und einigen Mäusearten)
    • bilophodont: Oberfläche mit zwei Querfurchen/-kanten (Meerkatzenartige und Kängurus)
Urheber: Phil Myers; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013) Urheber: Phil Myers; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013)
Urheber: Phil Myers; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013) Urheber: Phil Myers; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013)

Bei Säugetieren werden zudem nieder- bis hochkronige Zähne unterschieden:

  • brachyodont oder niederkronige Zähne haben eine kurze Krone und gut ausgebildete Wurzeln; vor allem bei Fleisch- und Allesfressern
  • hypsodonte, hypselodonte oder hochkronige Zähne haben eine hohe Krone weitem Wurzelloch. Zudem haben sie Wurzeln, die sich spät oder gar nicht schließen, so dass die Zähne entsprechend lange wachsen. Hauptsächlich bei Pflanzenfressern
    • protohypsodonte Zähne haben Wurzeln, die sich spät schließen und somit ein begrenztes Wachstum haben
    • euhypsodonte oder wurzellose Zähne haben ein unbegrenztes Wachstum und schließen sich gar nicht


Je nach anatomischer Struktur des Kiefergelenks und Stellung der Backenzähne zueinander sind verschiedene Kaubewegungen möglich. Die meisten Säuger haben einen anisognathen Kiefer. Das heißt der Unterkiefer ist schmaler als der Oberkiefer, so dass er von einer Seite zur anderen bewegt werden kann. Es wird durch die Kaubewegung nur auf einer Seite gekaut. Ist der Kiefer isognath oder der Unterkiefer weiter als der Oberkiefer, ist beidseitiges Kauen grundsätzlich möglich (Fritz 2007).




Literatur

Bläsing H. (2002): Der Einfluß von proinflammatorischen Zytokinen und Cyclosporin A auf die intra- und extrafollikuläre Expression von Neurotrophinen und ihrer Rezeptoren am Haarfollikel, Dissertation

Credille KM, Lupton CJ, Kennis RA et al. - What happens when a dog loses its puppy? Functional, developmental and breed related changes in the canine hair follicle. Advances in Veterinary Dermatology 2002

Fritz, J. (2007): Allometrie der Kotpartikelgröße von pflanzenfressenden Säugern, Reptilien und Vögeln. Dissertation, LMU München, S.66-103

Schiebler T., Korf H.: Anatomie: Histologie, Entwicklungsgeschichte, makroskopische und mikroskopische Anatomie, Topographie; Steinkopff; Auflage: 10., vollst. überarb. Aufl. 2007

Schlolaut, W. (Hrsg) in Zusammenarbeit mit Lange, K.; Das große Buch vom Kaninchen; 3., erw. Aufl.; Frankfurt am Main; DLG-Verl., 2003; 488 S.; ISBN 3-7690-0592-9

Steinlechner S. (2009): Endokrine Mechanismen bei der jahreszeitlichen Klimaanpassung