Domestikation


Kapitel

Definition

Domestizierte Tierarten

Veränderung durch Domestikation



Definition

Domestikation beschreibt einen innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder -pflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Dadurch wird ein Zusammenleben mit dem Menschen oder eine Nutzung durch diesen, anschaulich "in dessen Haus" (lateinisch domus), ermöglicht.

Haustiere entstanden unter der Kontrolle des Menschen durch viele Jahrhunderte fortlaufende Prozesse der Domestikation (Künzel & Sachser 2000).

Nicht zu verwechseln ist Domestikation mit der Zähmung. Während es bei der Domestikation zu einer genetischen Veränderung kommt, welche an die Nachkommen weitergegeben wird, ist die Zähmung eine individuelle Veränderung.



Domestizierte Tierarten

Zahlreiche Tierarten wurden inzwischen domestiziert. Das wahrscheinlich älteste Haustier ist der Haushund, dessen Vorfahre der Wolf ist. Wölfe schlossen sich vermutlich schon vor mehr als 30.000 Jahren dem Menschen an (Ovodov et al. 2011).


Tabelle 1: Übersicht zu Abstammung und Domestikation der traditionellen Haustiere aus Benecke (1994).

Kategorie Haustierart Wildform Wissenschaflticher Name
Insekten Honigbiene Honigbiene Apis mellifera
Maulbeer-Seidenspinner Maulbeer-Seidenspinner Bombyx mori
Fische Karpfen Wildkarpfen Cyprinus carpio
Goldfisch Giebel Carassius gibelio
Vögel Strauß Strauß Struthio camelus
Ente Stockente Anas platyrhynchos
Warzenente Moschusente Cairina moschata
Gans Graugans Anser anser
Höckergans Schwanengans Anser cygnoides
Wachtel Japanische Wachtel Coturnix japonica
Huhn Bankivahuhn Gallus gallus
Pfau Blauer Pfau Pavo cristatus
Perlhuhn Helmperlhuhn Numida meleagris
Pute Wildtruthuhn Meleagris gallopavo
Taube Felsentaube Columba livia
Wellensittich Wellensittich Melopsittacus undulatus
Kanarienvogel Kanarienvogel Serinus canaria
Zebrafink Zebrafink Taeniopygia guttata
Säugetiere Kaninchen Wildkaninchen Oryctolagus cuniculus
Meerschweinchen Tschudi-Meerschweinchen Cavia tschudii
Hund Wolf Canis lupus
Frettchen Waldiltis Mustela putorius
Katze Falbkatze Felis silvestris lybica
Pferd Wildpferd Equus ferus
Esel Wildesel Equus africanus
Schwein Wildschwein Sus scrofa
Dromedar Dromedar Camelus dromedarius
Trampeltier Trampeltier Camelus ferus
Lama Guanako Lama guanicoe
Alpaka Vikunja Vicugna vicugna
Ziege Wildziege Capra aegagrus
Schaf Wildschaf Ovis orientalis
Wasserbüffel Wasserbüffel Bubalus arnee
Rind Ur Bos primigenius
Zebu Ur Bos primigenius
Balirind Banteng Bos javanicus
Mithan Gaur Bos gaurus
Yak Wildyak Bos mutus



Veränderung durch Domestikation

Nach Trut (1999) kommt es bei den meisten domestizierten Tiere zu bestimmten morphologischen und physiologischen Veränderungen sowie Veränderungen im Verhalten. Dabei kommt es in der Regel zu einer Verstärkung von für den Menschen nützliche Eigenschaften.

Mögliche Veränderungen durch den Domestikationsprozess können sein:


1. Morphologische Veränderungen:

  • Abnahme der Gehirnmasse (20 - 30 %); Rückgang der Furchung
  • Farbänderung
  • Reduktion von Gebiss und Hörnern
  • Reduktion des Fells
  • Veränderung der Fellstruktur
  • Hängeohren
  • Ringelschwanz
  • Steilere Stirn
  • Reduktion im Verdauungstrakt
  • Ausbildung von Rassen mit zum Teil gravierenden Unterschieden im Erscheinungsbild; Zwerg- oder Riesenrassen
Abbildung 1: Wildschwein (links) und Hausschwein (rechts) im Vergleich.


2. Physiologische Veränderungen:

  • gesteigerte Fortpflanzungsrate, teilweise bis zur vollständigen Aufgabe der Saisonalität der Fortpflanzung
  • Veränderung des Stresshormonlevels


3. Verhaltensveränderungen:

  • weniger gut entwickeltes Flucht- und Verteidigungsverhalten
  • weniger stark ausgeprägtes Brutpflegeverhalten


Zu bestimmten Veränderungen kann es durch die Selektion von Tieren mit bestimmtem Verhalten kommen. Das Verhalten eines Tieres wird maßgeblich durch eine Balance von Neurotransmittern und Hormonen bestimmt. Wird auf ein bestimmtes Verhalten selektiert kann dies zu anderen, unter anderem optischen Veränderungen führen (Trut 1999).

Das zeigt der Modellversuch einer Domestikation von Silberfüchsen, den Dmitri Konstantinowitsch Beljajew im Jahr 1950 begann. Es wurde gezielt nach weniger scheuen und bissigen Tieren selektiert, wobei Inzucht vermieden wurde. Nach einigen Generationen zeigten die auf Zahmheit selektierten Füchse vermehrt verschiedene Veränderungen wie Beispielsweise Scheckungen im Fell. Die Erklärung dafür ist eine Veränderung in den neurochemischen und neurohormonellen Mechanismen. Die „Stresshormone“ Cortisol und Adrenalin waren bei den nach Zahmheit selektierten Füchsen verringert. Diese Hormone haben zahlreiche Einflüsse auf den Körper. Ein verminderter Pegel reduziert die Angst- und Stressreaktionen, wodurch die zunehmende Zahmheit erklärt werden kann. Zudem haben diese Hormone das gleiche Vorläufermolekül wie das Farbpigment Melanin, weshalb eine Veränderungen der Fellfarbe möglich ist. Auch auf die Entwicklung nehmen diese Hormone Einfluss, vermutlich indem sie zu bestimmten Zeiten als Schalter bestimmter Gene wirken. Dadurch erklärt man sich eine erhöhte Fruchtbarkeit und das welpenhafte Verhalten von Haustieren.


Tabelle 2: Häufigkeit verschiedener veränderter morphologischer Merkmale (nach Trut 1999). Dmitri Beljajew zeigte anhand von Silberfüchsen den Domestikationsprozess. Gezielt weitergezüchtet wurde mit weniger scheuen und bissigen Tieren. Nach zehn bis zwanzig Generationen zeigten die Füchse keine Furcht mehr vor Menschen und begrüßten die Pfleger mit Schwanzwedeln und Zuneigungslecken. Auch äußerliche Veränderungen wurden vermehrt beobachtet.

Morphologisches Merkmal Anzahl Tiere (pro 100 000 Tiere)
Domestizierte Population Nicht - domestizierte Population
Depigmentierung („Stern“)
12 400
710
Braun marmoriertes Fell
450
86
Hängeohren
230
170
Verkürzter Schwanz
140
2
Aufgerollter Schwanz
9400
830


Vermutlich sind viele Merkmale die Haustiere aufweisen nicht durch gezielte Selektion entstanden sondern traten als "Nebenprodukt" einer Selektion auf zutrauliche Tiere auf.


Urheber: Titaniumpen; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013)
Urheber: Harald Bischoff; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 06.2013)
Abbildung 2: Auftretende Scheckung bei domestizierten Tieren. Das vermehrte Vorkommen von weißen Flecken ist ein typisches Merkmal bei Haustieren.


Ein ähnlicher Versuch, wenn auch im kleinerem Rahmen, wurde um 1990 von der Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung Hofgut Neumühle gestartet. Hier wurde europäisches Damwild auf geringere Schreckhaftigkeit und geringere Neigung zu panikartigem Verhalten hin selektiert. Ziel war eine Damwildform die sich einfacher halten und nutzen lässt. Das so entstandene Neumühle-Riswicker ist größer als Europäisches Damwild gleichen Geschlechtes und gleichen Alters. Die typische Farbe ist ein gleichmäßiges helles oder dunkles braun, auch weiße Tiere kommen vor. Andere Farben wie schwarz, porzellan- und wildfarben kommen, obwohl sie in der Stammpopulation vorhanden waren, nicht mehr vor. Der typische schwarz-weiße Kontrast von Spiegel und Wedel fehlen (Hemmer 2003). So haben sich auch bei diesen Tieren durch Selektion auf Verhalten Größe und Fellfarben verändert.




Literatur

Benecke: Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. Konrad Theiss-Verlag. Stuttgart 1994

Künzel C., Sacher N. (2000): Auswirkung der Domestikation auf Verhalten und endokrine Anpassungsreaktionen beim Meerschweinchen

Hemmer (2003): Neumühle-Riswicker Rundbrief; neumühle-riswicker.de (Stand April 2014)

Trut L.N. (1999): Early Canid Domestication: The Farm-Fox Experiment. In: Sigma Xi, The Scientific Research Society (Hrsg.): American Scientist. 87, Nr. 2, März - April 1999

Ovodov N.D., Crockford S.J., Kuzmin Y.V., Higham T., Hodgins G. van der Plicht J. (2011): A 33,000-Year-Old Incipient Dog from the Altai Mountains of Siberia: Evidence of the Earliest Domestication Disrupted by the Last Glacial Maximum. In: PLoS ONE 6(7), 2011