Nahrungswahl


Kapitel

Selektive Nahrungsaufnahme

Erlernen der Selektion

Umgang mit Giftpflanzen

Selbstmedikation

Selektion bei Haustieren

Grenzen der Selektion



Selektive Nahrungsaufnahme

Jedes Lebewesen in freier Natur benötigt Nährstoffe um zu überleben. Um den Bedarf an Nährstoffe zu decken haben Organismen unterschiedliche Strategien entwickelt. Manche Tiere können wählerischer bei ihrer Nahrungssuche sein als andere. Doch nicht nur die Suche nach Nahrung mit dem nötigen Nährstoffgehalt ist von Bedeutung, auch andere Faktoren beeinflussen die Futterwahl eines Lebewesens.


Ein Tier muss sein Futter aus dem vorhandenen Angebot so wählen, dass der Nährstoffbedarf ausreichend gedeckt wird und Vergiftungen mit schädlichen Substanzen vermieden werden. Pflanzenfresser mit einem breit gefächertem Angebot sind besonders vorsichtig (Knubel 2001). Auch allesfressende Tiere müssen ihr Futter mit Bedacht und oft aus einem großen Angebot wählen (Sclafani 1995). Es hat sich ein Verhalten entwickelt dass den Tieren eine Selektion ungefährlicher Futtermittel ermöglicht und so vor einer Vergiftung schützt (Knubel 2001).

So suchen sich zum Beispiel Pflanzenfresser abhängig von den wechselnden Ernährungsbedürfnissen, die ihrerseits vom Alter, physiologischen Status und den Umweltbedingungen abhängen aus dem verfügbaren Pflanzenbestand Futterstoffe aus. Selektiert werden nicht nur Pflanzenarten sondern auch bestimmte Teile der Pflanzen. Teilweise werden sogar von bestimmten Pflanzen abhängig von der Tageszeit bestimmte Teile gefressen. Auf der einen Seite bestimmen die verfügbaren Nährstoffe die Futteraufnahme, auf der anderen wird die Aufnahme einer Pflanze durch ihren Gehalt an giftigen sekundären Pflanzeninhaltstoffen limitiert. Erkannt werden geeignete Futtermittel sowohl bezüglich ihrer Nährstoffe als auch den Giftstoffen sowohl am Geruch als auch am Geschmack (Knubel 2001).

Mit unbekanntem Futter sind die Tiere vorsichtig. Es werden nur geringe Mengen aufgenommen. Wird das Futter vertragen werden die Mengen gesteigert und das Futtermittel fester Bestandteil der Nahrung (Knubel 2001).

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com



Erlernen der Selektion

Mögliche Quellen für Informationen über bestimmte Futtermittel sind unter anderem angeborenes Wissen, selbstgemachte Erfahrungen, sowie das Beispiel erwachsener Tiere, vor allem das der Mutter (Knubel 2001). Ein Teil dieser Fähigkeiten ist angeboren, aber ein großer Teil wird erlernt. Bereits in der pränatalen ("vor der Geburt") Zeit erworbene Geschmackspräferenzen werden dabei später durch eigene Erfahrungen verfeinert. So werden Futtercharakteristika wie Geruch, Geschmack, Textur mit der physiologischen Wirkung verknüpft und stabile, lang anhaltende und sinnvolle Nahrungsgewohnheiten gebildet (Sclafani 1995).

Für die Jungtiere der Kaninchen gibt es nach Bilko et al. (1993) verschiedene Möglichkeiten Informationen über Futtermittel von erwachsenen Tieren zu bekommen:

  • pränatal über das Blut
  • Muttermilch
  • der Geruch von Körper und Atem
  • Nahrungsrückstände im Fell und an den Zähnen
  • den Kot der erwachsenen Tiere

Da die Kaninchenmutter nur sehr wenig Zeit bei ihrem Nachwuchs verbringt, müssen die Jungtiere in den meisten Fällen ohne direkte Hilfe der Mutter lernen Futter zu finden und passend zu wählen. Dennoch zeigen die Jungtiere Futterpräferenzen die sich auf die Ernährung des Muttertieres zurückführen lassen. In einem Versuch wurden Kaninchenmüttern Wacholder- bzw. Thymianblätter ins Futter gemischt. Die Jungen zeigten je nach Ernährung der Mutter später Vorlieben für die eine bzw. die andere Pflanze (Bilko et al. 1993).


Besonders wichtig sind für die Tiere aber das Erlernen des Zusammenhangs zwischen der Aufnahme eines Futtermittels und der daraufhin sich einstellenden Reaktion des eigenen Körpers. Der Zusammenhang zwischen Geschmack und Geruch einer Pflanze und der Rückantwort aus dem Körper wird von Tier und Mensch auch unterbewusst wahrgenommen. Durch einen schnellen Lernprozess durch Konditionierung kommt es zu lang anhaltende Erinnerung an die Konsequenzen der Aufnahme eines Futtermittels (Knubel 2001).

Möglich ist ein Feedback durch Chemorezeptoren in der Area postrema des zentralen Nervensystems. Werden Zellen durch die Aufnahme giftiger Futtermittel geschädigt setzen sie beispielsweise Histamin frei, welches durch die Rezeptoren im Blut wahrgenommen und durch Stimulierung des emetischen Zentrums eine Futteraversion auslösen kann. So können Futtermittel eine negative Rückantwort ermöglichen. Positives Feedback ist beispielsweise durch das Gefühl der Sättigung möglich. Aber auch durch Reduktion von Unwohlsein und Krankheitsgefühl wird ein positives Feedback ausgelöst. Die Gesamtheit der Wirkung eines Futtermittels wird im zentralen Nervensystem als postingestives Feedback integriert und konditionieren das Futteraufnahmeverhalten des Tieres und bestimmt so die zukünftige Futterselektion (Knubel 2001).

Auch ohne ihre Mütter oder erwachsene Vorbilder aufgewachsene Tiere sind mittels dieses Mechanismus fähig zu selektieren (Knubel 2001).



Umgang mit Giftpflanzen

"Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist."

Paracelsus (1493-1541)

Tiere haben Mechanismen um Nährstoffe aus Pflanzen aufnehmen zu können und toxische Pflanzeninhaltstoffe zu entgiften. Wird die Kapazität der Entgiftungsmechanismen überschritten so reagiert das durch die Giftstoffe stimulierte emetische System. Es kommt zur Übelkeit. Tiere fressen nahrhafte Pflanzen die Toxine enthalten, aber sie limitieren deren Aufnahme generell im Verhältnis zur Konzentration des Toxins. Interaktionen zwischen dem Verdauungstrakt, Geschmack- und Geruchsinn sowie dem Nervensystem ermöglichen das Erkennen von Nährstoffen und Toxinen (Knubel 2001).

Zudem verfügen Tiere über interne Systeme zur Entgiftung bzw. Tolerierung aufgenommener Phytotoxine (Mitsch 2009). Nach Mitsch (2009) sind das beispielsweise:

  • schnelle Ausscheidung
  • Ausschüttung spezieller Sekrete zur Inaktivierung der Stoffe
  • Entgiftung durch Mikroorganismen
  • Toleranzentwicklung



Selbstmedikation

Selbstmedikation bedeutet, dass die Tiere gezielt Heilkräuter aufnehmen, um gesund zu bleiben oder ihre Krankheiten zu behandeln. Sie selektieren bestimmte Futtermittel um Krankheiten oder Mängel zu kurieren oder vorzubeugen. Diese Möglichkeit beruht auf den Fähigkeiten zu lernen welche Nahrungsmittel bei Beschwerden zu Besserung führen und welche dabei schaden (Pfefferle 2003).

Beispiele von Beobachtungen für Selbstmedikation bei Tieren:

  • Afrikanische Elefanten nehmen große Mengen tonhaltiger Erde zu sich. Der Ton verhindert Vergiftungserscheinungen im Dünndarm (Engel 2002)
  • Feldhasen nutzen etwa 50 verschiedene Wildkräuter, die verhindern dass sie an Parasiten sterben (Pfefferle 2003)
  • Auf einer schottischen Insel beobachteten Forscher, wie Schafe die Köpfe junger Vögel abbissen, um ihren Phosphormangel zu decken (Engel 2002)
  • Affen mit schwerem Wurmbefall im Magen-Darm-Trakt verzehren gezielt Kerne, die normalerweise bitter und giftig sind. Doch Inhaltsstoffe der Kerne töten die Würmer und führen zur Vertreibung zahlreicher Parasiten (Engel 2002)
  • Braunbären nutzen vor dem Winterschlaf scharfkantige Gräser zur Entwurmung (Pfefferle 2003)
  • Stare flechten frische Pflanzen in ihre Nester, welche die Widerstandskraft des Nachwuchses fördern (Pfefferle 2003)



Selektion bei Haustieren

Nicht nur Wildtiere sind in der Lage ihr Futter entsprechend ihres Nährstoffbedarfs und des Giftgehalts zu selektieren. Auch domestizierte Tiere sind in der Lage die Selektion zu erlernen (Rose und Kyriazakis 1991).

Es konnte an verschiedenen Haustierarten wie Farbratten (Sclafani 1995), Mäusen (Freeland et al. 1981) und Hausschweinen (Lindmayer und Propstmeier 2006, Ettle und Roth 2005) gezeigt werden, dass diese ihren Nährstoffbedarf effektiver decken, wenn sie aus verschiedenen unterschiedlichen Komponenten wählen können, als wenn sie ein Futter mit definiertem Bedarf erhalten. Bei Rindern kommt es bei einer zu hohen Besatzdichte und dadurch verminderter Möglichkeit zur Futterselektion zu einer geringeren Lebendmassezunahme (Martin-Luther-Universität 2006).

Domestizierte Schafe (Provenza et al. 2000) und Mäuse (Freeland et al. 1981) sind in der Lage, Futtermittel so miteinander zu kombinieren, dass die Substanzen ungefährlich werden.



Grenzen der Selektion

Selektion ist nicht uneingeschränkt möglich. Tiere müssen erst lernen mit mit verschiedenen Wirkstoffen richtig umzugehen. Auch muss der Körper sich erst an diverse Wirkstoffe anpassen. So kann beispielsweise ein Kaninchen Eichenzweige problemlos vertragen und im Krankheitsfall nutzen, während ein anderes bei der Aufnahme Schaden nimmt.

Stark oder tödlich giftige Pflanzen sind problematisch, wenn sie bereits in geringen aufgenommenen Mengen gefährlich werden.

Verarbeitete Futtermittel können zum Problem werden, wenn ihnen Lock- und Aromastoffe zugesetzt werden und dadurch Geschmack- und Geruchsinn beeinträchtigen. Zudem werden beim Verarbeitungsprozess wichtige sekundäre Pflanzenstoffe zerstört die ein Konsum normalerweise einschränken.


Abbildung 1: Grenzen der Selektion. Sekundäre Pflanzenstoffe spielen eine entscheidende Rolle bei der Selektion. Ein stark verarbeitetes Futter ist daher wesentlich problematischer als ein Futter mit naturbelassenen Bestandteilen.


Beeinträchtigt werden kann das Selektionsverhalten durch Erkrankungen des Atemtraktes, wodurch die Tiere Gerüche nicht ausreichend identifizieren können.

Auch Haltungs- und Ernährungsfehler können zu einem Mangel an gezeigten Selektionsverhalten führen. Ist ein Tier beispielsweise gelangweilt oder gestresst, kann es zur übermäßigen, nicht selektiven Aufnahme von Futter kommen. Zudem kann ein Tier nur aus dem Angebot wählen, dass der Halter zur Verfügung stellt. Fehlen wichtige Bestandteile kann dieser Mangel auch durch entsprechende Selektion nicht ausgeglichen werden.




Literatur

Freeland W.J., Calcott P.H., Anderson L.R. (1981): Tannins and Saponins; Interaction in Herbivore Diets, Biochemical Systematics ans Ecology, 13(2): 189-193

Ettle T., Roth F.X. (2005): Selektive Nährstoffaufnahme bei Futterselbstauswahl beim Nutztier, Fachgebiet Tierernährung und Leistungsphysiologie, Technische Universität München, Freising

Engel, C.(2002): Wild health: How animals keep themselves well and what we can learn from them. Houghton Mifflin Company, New York

Knubel B. (2001): Untersuchung zur Konditionierung der Futteraufnahme in der Mutter - Kind - Beziehung bei Ziegen, Diss. Freien Universität Berlin

Lindmayer Dr. H., Propstmeier G. (2006): Freie Futterwahl (Cafeteriafütterung) in der Ferkelaufzucht - Versuchsbericht, Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft, ITE 2 – Schweinefütterung

Martin-Luther-Universität (2006): Bestimmung der Futteraufnahme, Futterselektion und Verdaulichkeit weidender Mastrinder auf ökologisch bewirtschaftetem Ansaat- und Dauergrünland, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Mitsch (2009): Untersuchungen zu extensiv bewirtschaftetem Ansaat- und Dauergrünland unter Beweidung durch Ochsen und Färsen – Schwerpunkt: selektive Futteraufnahme – . Diss, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Pfefferle E. (2003): Die Apotheke der Tiere

Provenza F.D., Burrit E.A., et al. (2000): Self-regulation of Polyethylen Glycol by Sheep Fed Diets Varying in Tannin Concentrations, Journal of Animal Sience: 1206-1212

Rose, S. P. und Kyriazakis, I. (1991): Diet selection of pigs and poultry. Proc. Nutr. Soc. 50, 87-98

Sclafani, A. (1995): How food preferences are learned: laboratory animals model. Proceedings of the Nitrition Society 54, pp. 419-427