Beschäftigung


Kapitel

Sinn von zusätzlicher Beschäftigung

Environmental Enrichment

Behavioural Enrichment



Sinn von zusätzlicher Beschäftigung

Enrichment

Man bezeichnet die zusätzliche Bereicherung des Lebensraumes von Tieren in Menschenobhut als "Enrichment". Gansloßer unterscheidet hierbei in „behavioural enrichment“, dem Beschäftigungsangebot in engerem Sinne und „environmental enrichment“, eine eher auf Umweltbedingungen ausgerichtete Vielfalt, etwa verschiedene Bodenbeläge oder Untergrundsstrukturen in einem Gehege unterteilen.

Urheber: Dawn Huczek; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013) Urheber: Socar Myles; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013)



Lernverhalten

"Unter Lernen versteht man den absichtlichen (intentionales Lernen) und den beiläufigen, individuellen oder kollektiven Erwerb von geistigen, körperlichen, sozialen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Aus lernpsychologischer Sicht wird Lernen als ein Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgrund von Erfahrung oder neu gewonnenen Einsichten und des Verständnisses (verarbeiteter Wahrnehmung der Umwelt oder Bewusstwerdung eigener Regungen) aufgefasst."

Zitat aus wikipedia.org

Von Bedeutung sind aus ethologischer Sicht folgende Lernvorgänge:

  • Prägung: sehr früher, zeitlich begrenzter Lernprozess.
  • Sozialisation: Hineinwachsen und Integration in den Gruppenverband
  • Nachahmung: Erlernen von Verhalten durch Beobachtung von Gruppenmitgliedern
  • Gewöhnung: mit der Zeit abnehmende Reaktionsbereitschaft auf einen sich wiederholenden Reiz
  • Klassische und operante Konditionierung: Konditionierung ist das erlernen von Reiz-Reaktions-Mustern. Klassische Konditionierung wurde erstmals von Iwan Petrowitsch Pawlow beschrieben und betrifft ausgelöstes Verhalten. Bei der operanten (auch instrumentellen) Konditionierung wird die Häufigkeit von ursprünglich spontanem Verhalten durch seine angenehmen oder unangenehmen Konsequenzen nachhaltig verändert. Dies wird auch als Lernen durch Belohnung/Bestrafung bezeichnet.
  • Lernen durch Einsicht: Nach der kognitiven Lerntheorie von (u. a.) Wolfgang Köhler und Max Wertheimer gibt es sechs Phasen des Lernens durch Einsicht: Auftauchen des Problems, Probierverhalten, Umstrukturierung, Einsicht und Lösung, Anwendung, Übertragung

Nebenher spielen auch das Spiel-, Neugier- und Erkundungsverhalten eine wichtige Rolle. Spielen dient dem Erlernen von Fähigkeiten, Grenzen und sammeln von Erfahrung. Neugierde dient dem gezielten Aufsuchen und Untersuchen von Gegenständen und Situationen, das Erkunden dem kennen lernen des Lebensraumes.

Lernen ist ein elektro-chemischer Vorgang, der die Struktur des Gehirns verändert. Die Synapsen, die für die elektrische und chemische Informationsübertragung zuständig sind, können auch im erwachsenen Alter noch gebildet werden (Sabitzer 2011). Im Leben eines Tieres ist lernen ein wichtiger Prozess. Die Aneignung von neuem Wissen, neuartigen Erfahrungen und anderen Fertigkeiten ermöglichen es sich einer Veränderung der Umwelt anzupassen. Lernen beginnt mit der Geburt und dauert bis zum Lebensende. Neues wird erlernt, angeborenes perfektioniert. Lernen ist ein kontinuierlicher Prozess.



Effekte von Enrichment

Tiere in freier Wildbahn werden ständig mit unterschiedlichen Umweltreizen und Herausforderungen konfrontiert. Bei einer Haltung kann es durch Reizmangel zu einer sensorischer und kognitiver Unterforderung kommen wodurch Langeweile, Frustration sowie das Auftreten von Verhaltensstörungen begünstigt werden (Meyer et al. 2010).

Beschäftigung wirkt sich vielfältig auf den Organismus aus. Beschäftigung führt zu einer Zunahme der Synapsen, deren Größe sowie einer Zunahme der Vernetzung, wodurch wiederum das Lernverhalten positiv beeinflusst wird (Baumans 2005). Zudem stärken positive soziale Kontakte und die erfolgreiche Bewältigung von Problemen das serotonerge System. Dies ist ein Puffersystem, welches verschiedene Funktionen im Körper erfüllt. Serotonin ist ein Hormon und Neurotransmitter, welches im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet wird (Ullrich 2011). Sozialkontakte und Beschäftigung tragen so zu einem vermehrten Wohlbefinden und einem ausgeglichenen Charakter bei.

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com

Auch Sachser (2008) bestätigt eine Reduktion von Stereotypien durch Enrichment, vermehrte Neugierde und weniger Ängste.

Auch führt eine komplexe, anspruchsvollere, aber zu bewältigende Umwelt zu erhöhter physischen und psychischen Belastbarkeit (Artikel: Haltung - Stress).

Beschäftigung mit dem Menschen fördert zudem die Bindung zum Mensch und schafft damit eine Vertrauensbasis für einen stressfreien Umgang.



Environmental Enrichment

Die Umwelt und die Haltungsbedingungen spielen eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden und das Verhalten von Tieren. So konnte anhand von Ratten gezeigt werden dass sich eine strukturierte Umgebung positiv auf das Lernverhalten der Tiere auswirkt. Die Anzahl von Synapsen und ihre Größe sowie die Komplexität der Verbindungen wird bei Tieren die in strukturierter Umgebung leben erhöht (Baumans 2005).

Urheber: Michelle Bender; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013) Urheber: Roguey000; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Mai 2013)

Effekte des Enviromental Enrichment nach Baumans (2005):

  • mehr Haltungsqualität und folgender vermehrter Aktivität sowie Kontrolle des räumlichen und sozialen Umfeldes
  • vielfältigeres Verhalten
  • weniger abnormales Verhalten
  • vermehrte positive Nutzung des Umfeldes
  • verbesserte Fähigkeiten der Tiere Herausforderungen zu bewältigen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Umwelt der Tiere zu strukturieren bzw. anzureichern. Baumans (2005) unterscheidet zwischen:

  • Social Enrichment: Haltung der Tiere mit Sozialpartnern
  • Physical Enrichment: vermehrte Komplexität der Umwelt
  • Sensory Enrichment: visuelle und olfaktorische Reize sowie Gerüche und Geschmack

Beachtet werden müssen dabei immer individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der einzelnen Tiere.



Behavioural Enrichment

Eine gezielte Beschäftigung kann zum Wohlbefinden und vor allem auch zu einem vertrauten Umgang von Mensch und Haustier beitragen. Insbesondere soll hier auf das Klickertraining eingegangen werden, welches in den letzten Jahren in der Heimtierhaltung vermehrt zum Einsatz kommt.


Vorteile des Training

Eine gezielte Beschäftigung mit dem Tier kann sowohl für den Halter als auch für das Tier vielfältige Vorteile mit sich bringen. Das Training fördert eine positive Beziehung des Haustieres zu seinem Halter und stärkt das Vertrauen, wodurch der Umgang und die Haltung für das Tier stressfreier werden. Der Umgang (Handling) gestaltet sich für beide Seiten stressfreier und einfacher. So können Untersuchungen oder Medikamentengaben einfacher vorgenommen und sogar gezielt trainiert werden.


Brückensignale

Wichtig für den Einsatz von Verstärkung ist das richtige Timing. Ein Tier muss die Möglichkeit haben die richtige Verknüpfung zwischen Verhalten und Belohnung erstellen. Daher muss die Verstärkung des gewünschten Verhaltens zeitgleich bis maximal 2 Sekunden nach dem gezeigten Verhalten gegeben werden.

Dafür ist es hilfreich mit einem Brückensignal zu arbeiten. Dieses Signal überbrückt die Zeit zwischen dem erwünschten Verhalten und der Verstärkung für dieses Verhalten, eine zeitgenauere Bestätigung ist dadurch möglich. Ein solches Signal kann ein Wort oder gleich klingendes Geräusch wie der sogenannte Klicker sein. Der Klicker hat dabei den Vorteil, immer gleich zu klingen.

Das Brückensignal hat die Bedeutung, dem Tier zu zeigen, dass das gezeigt Verhalten gut war und gleich eine Belohnung erfolgt. Es entfacht positive Stimmung und Vorfreude. Zudem lässt sich ein Verhalten auch auf größere Entfernung präzise belohnen.

Im ersten Schritt sollte das Timing geübt werden und zwar ohne das Tier. Bitten sie jemand, einen Ball fallen zu lassen und geben sie das Signal genau dann, wenn dieser den Boden berührt.

Anschließend muss dem Tier die Bedeutung des Brückensignals beigebracht werden. Es wird auf das Brückensignale konditioniert.

  1. Das Brückensignal wird gegeben und es erfolgt sofort eine besondere Belohnung
  2. Werden Leckerchen benutzt, muss dafür gesorgt werden, dass das Tier sich nicht auf den visuellen Reiz konzentriert. Das heißt das Futter wird erst nach dem Brückensignal hervorgeholt
  3. Die Übung wird mehrfach wiederholt (ca. 10 - 15 x)
  4. Danach wird abgewartet, bis das Tier einen Moment unaufmerksam ist. Geben Sie das Brückensignal. Schaut das Tier aufmerksam auf, ist das Signal verstanden. Andernfalls muss die vorige Übung weiter vertieft werden

Es ist wichtig, dass nach den Brückensignal immer mit Belohung erfolgt. Ansonsten kann es passieren, dass sie Verknüpfung zwischen Signal und Belohnung wieder erlischt.

Wichtig für den Umgang mit dem Klicker:

  • das Brückensignale und die Belohnung sind getrennte Handlungen und erfolgen nicht gleichzeitig. Erst wird mit dem Brückensignale bestätigt, anschließend belohnt
  • bestätigt wird mit dem Brückensignal während des gewünschten Verhaltens, nicht danach. Anschließend gibt es eine besondere Belohnung
  • besondere Leistungen werden mit mehr Leckerchen belohnt, nicht mit vermehrter Signalgebung



Das Training

Niemals darf ein Tier zum Training gezwungen werden. Es muss immer die Möglichkeit haben, sich zu entfernen. Auch durch Futterentzug darf kein Tier zur Mitarbeit gezwungen werden. Das Training sollte Halter und Tier Spaß machen!

Begonnen werden sollte mit einfachen Übungen, die das Tier von selbst anbietet. Wichtig sind kurze Übungseinheiten, damit das Tier nicht überfordert wird und mit einem Erfolg und positiven Emotionen das Training beendet.

Schwierige Übungen werden in kleine Teilschritte zerlegt. Es wird Schritt für Schritt gearbeitet und jeder kleine Erfolg belohnt.

Kommandos werden später eingeführt. Das Tier sollte die Verhaltensweise von selbst anbieten. Dadurch wird es experimentierfreudiger und aufmerksamer. Kommandos werden erlernt, indem diese gegeben werden, kurz bevor das Verhalten gezeigt wird (z.B. wenn es gerade die Transportbox betreten möchte). Reagiert ein Tier nicht auf ein Kommando, ist dieses noch nicht vollständig erlernt. Es sollte unter einfacheren Umständen vertieft werden.




Literatur

Baumans V. (2005): Environmental Enrichment for Laboratory Rodents and Rabbits

Gansloßer U.: „Enrichment“ – Tierbeschäftigung nicht nur im Zoo

Laser, Birgit: Clickertraining. Cadmos-Verlag, ISBN 3-86127-710-7

Meyer S, Puppe B, Langbein J. (2010): Kognitive Umweltanreicherung bei Zoo- und Nutztieren – Implikationen für Verhalten und Wohlbefinden der Tiere, Berl. Münch. Tierärztl. Wschr. 123: 11-12, 446-456

Sabitzer (2011) - Neurodidaktik - Gehirngerechtes Lernen und Lehren

Sachser (2008): Das Wohlergehen der Tiere: In: Ach J. (2008) Die Frage nach dem Tier: Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mensch-Tier-Verhältnis

Ullrich A. (2011): Impulskontrolle – Wie Hunde sich beherrschen lernen; MenschHund!-Verlag, 2011, ISBN(13) 978-3981082173