Kastration


Kapitel

Allgemeines

Funktion verschiedener wichtiger Komponenten

Auswirkungen der Kastration

Frühkastration



Allgemeines

Nicht zu verwechseln ist die Kastration (Gonadektomie), bei welcher die Keimdrüsen entfernt werden, mit der Sterilisation, bei welcher Samenleiter (Männchen) oder Eileiter (Weibchen) durchtrennt werden.

Bei männlichen Tieren werden bei der Kastration die Hoden (Orchiektomie), bei den weiblichen Tieren die Eierstöcke entfernt. Bei Weibchen unterscheidet man Ovariektomie, die Entnahme ein oder beider Eierstöcke und Ovariohysterektomie, welche eine erweitere Form ist, bei der zusätzlich auch Teile oder die komplette Gebärmutter entfernt werden.

Das deutsche Tierschutzgesetz führt in § 6 Abs. 1 unter Bezugnahme auf § 5 Abs. 3 Nr. 1 und 1a die Kastration als Ausnahme vom grundsätzlichen Verbot der Amputation und Organentnahme oder -zerstörung an Wirbeltieren auf, soweit vom Menschen genutzte oder gehaltene Tiere betroffen sind oder eine unkontrollierte Fortpflanzung verhindert werden soll.



Funktion verschiedener wichtiger Komponenten

Hoden: Produzieren Spermien und Geschlechtshormone, sogenannte Androgene.

Eierstöcke: Produktionsort für Eizellen und weibliche Geschlechtshormone

Geschlechtshormone: Werden hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, in den Keimdrüsen gebildet. Entfernt man die Keimdrüsen gehen diese Hormone nicht komplett verloren. Geringe Mengen der Geschlechtshormone werden auch von der Nebennierenrinde produziert.

Testosteron: Kommt bei beiden Geschlechtern vor, allerdings in verschiedener Konzentration und mit unterschiedlicher Wirkungsweise. Spielt eine wichtige Rolle in der Pubertät und dem Verhalten männlicher Tiere


Tabelle 1: Physische und psyschiche Auswirkungen von Geschlechtshormonen nach Strodtbeck & Gansloßer (2011)

Hormon Physisch Psychisch

Testosteron

  • Die Skelettmuskulatur wird verstärkt
  • Einfluss auf das Ende des Längenwachstums
  • Verfestigung des Bindegewebes und damit auch Einfluss auf die Fettverteilung
  • Steuerung desr Hautdrüsen z.B. Anregung der Talgdrüsen
  • Die Hautoberfläche wird widerstandsfähiger durch Einfluss auf die Zellteilung der Epidemis
  • Verschlechterung des Immunsystems
  • Steigert im Übermaß das Stresshormon Cortisol (Umkehr: Stress = bewältigbarer Stress erhöht den Testosteronspiegel, unbewältigbarer Stress verringert den Testosteronspiegel
  • verstärktes Wettbewerbsverhalten und erhöhtes Balzverhalten
  • verstärktes Revierverhalten
  • verstärktes Markierverhalten
Östrogen
  • Lockerung des Bindegewebes (eher parallele Anordnung)
  • Bessere Wassereinlagerung im Bindegewebe
  • Auswirkung auf den Mineralhaushalt (sehr komplex)
  • Werbeverhalten



Auswirkungen der Kastration

Die tatsächlichen Wirkungen der Kastration ist bei vielen Tieren nicht eingehend untersucht. Bei einigen Tierarten insbesondere bei Mensch und Hund sind zahlreiche mögliche Auswirkungen auf physischer und psychischer Ebene bekannt. Kastrationen werden in vielen Fällen genutzt um die Tiere unfruchtbar zu machen. Da die Keimdrüsen aber wie erwähnt auch der Produktion von Hormonen dienen, kann eine Entfernung auch zahlreiche andere Folgen haben.

Diese Auswirkungen können nicht bei allen Tieren gleichgesetzt werden. Je nach Tierart und Individum kann eine Kastration unterschiedliche Folgen haben. Dies soll nur mögliche Auswirkungen verdeutlichen.


Tabelle 2: Vor- und Nachteile der Kastration bei Hunden nach Sanborn (2007)

Kastration Rüde
Vorteile Nachteile
  • keine Erkrankungen an Hodenkrebs möglich
  • verringert die Wahrscheinlichkeit von Prostataproblemen ausser Prostatakrebs
  • verringert die Wahrscheinlichkeit von Analdrüsenentzündungen

  • die Wahrscheinlichkeit für Knochenkrebs steigt an, wenn vor dem ersten Lebensjahr kastriert wird
  • Erhöhung des Risikos für Herztumore um den Faktor 1,6
  • dreifach höheres Risiko von Schilddrüsenunterfunktion
  • erhöhtes Risiko von Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten im Alter
  • dreimal höheres Risiko für Fettleibigkeit
  • vierfach höheres Risiko an Prostatakrebs zu erkranken
  • verdoppelt die Wahrscheinlichkeit an Blasenkrebs zu erkranken
  • erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unverträglichkeit von Impfstoffen
Kastration Hündin
Vorteile Nachteile
  • sofern die Hündin vor dem Alter von zweieinhalb Jahren kastriert wird verringert sich das Risiko an einem Mammikarzinom zu erkranken
  • keine Gebärmutterentzündung
  • verringert das Risiko einer Analdrüsenentzündungen
  • keine Tumore im Bereich der Gebärmutter und/oder der Eierstöcken möglich

  • die Wahrscheinlichkeit für Knochenkrebs steigt an, wenn vor dem ersten Lebensjahr kastriert wird
  • erhöht die Gefahr an Milzkrebs um den Faktor 2,2
  • verdreifacht das Risiko einer Schilddrüsenunterfunktion
  • Fettleibigkeitsrisiko erhöht sich um einen Faktor von 1,6 - 2
  • zwischen 4 und 20 % aller kastrierten Hündinnen leiden danach an Inkontinenz
  • erhöht das Risiko von einer nach innen Wölbung der Vulva, dadurch erhöhte Infektionsgefahr
  • verdoppelt die Gefahr an Blasenkrebs zu erkranken


Risiken einer Gebärmutterentfernung bei der Frau (nach news-medical.net)

  • drei Mal höheres Risiko für Kreislauferkrankungen bei entfernen der Gebärmutter, sieben Mal höher beim entfernen der Eierstöcke
  • Osteoporose und ein erhöhtes Risiko von Knochenbrüchen
  • Vaginalprolaps (in bis zu 80 % aller Fälle)
  • Harninkontinenz (Risiko verdoppelt), Stressinkontinenz um den Faktor 2,4 erhöht
  • Verlust von Unterstützung für die Blase und Darm
  • erhöhtes Risiko für Nierenzellkarzinom


Bei Kaninchen kann es nach Rühle (2012) zu folgende körperliche Veränderung nach der Kastration vorkommen:

  • größere, stärkere Knochen bei Kaninchen, die im Alter von 3 Monaten kastriert wurden
  • Vergrößerung der Hirnanhangsdrüse
  • Vergrößerung des Thymus bei Kaninchen, die im Alter von 1 – 3 Monaten kastriert wurden
  • Verzögerung der Involution des Thymus
  • Hypertrophie der Nebennieren nach Entfernen der Eierstöcke
  • Verbreiterung der Nebennierenrinde bei Verkleinerung der Marksubstanz



Frühkastration

Eine Frühkastration ist eine Kastration vor der Geschlechtsreife. Die Geschlechtsreife ist die Entwicklung vom Jungtier zum Erwachsenen. Die Geschlechtshormone welche hauptsächlich in den Keimdrüsen gebildet werden nehmen einen wesentlichen Einfluss. Die Pubertät bringt sowohl körperliche als auch psychische Veränderungen, welche durch eine frühe Kastration beeinflusst werden können.


Tabelle 3: Körperliche und pyschische Auswirkungen einer Frühkastration

Tierart Auswirkungen Autor
Ratten Rattenmännchen, die zwischen dem 1. und 23. Tag kastriert wurden zeigten, dass sich die Frühkastration negativ auf das Spielverhalten auswirkt
Meany& Steward 1981
Hund Prostatahypoplasie
Höhne 2002
Tiere die vor dem 6 Monat kastriert wurden entwickeln häufiger HD
Reichler 2010
Wachstumsbeendigungsunterbrechung, bzw diese tritt später ein. Der Körperbau wird adurch zu groß und eventuell zu schlacksig. Es sind später Gelenk- oder Herz-Kreislauf-Probleme zu erwarten
Strodtbeck & Gansloßer 2011
Frühkastrierten (vor der Pubertät) fehlt der für das Gehirn notwendige Hormonschub und sind daher in der Regel leicht debil.
Strodtbeck & Gansloßer 2011
die Vulva bleibt lebenslang klein und infantil
Reichler 2010
Präputium, Penis und der Penisknochen bleiben klein und unreif
Reichler 2010
Senkung der Wahrscheinlichkeit eines Mammatumors
Reichler 2010
Infektionskrankheiten treten bei bereits im Welpenalter kastrierten Hunden häufiger auf
Reichler 2010
Mensch Verlängerung des Knochenwachstum
Reichler 2010
Verzögerung des Schluss der Wachstumsfugen
Reichler 2010
Katze Veränderung des Hormonhaushalts
Kalz & Scheibe 2000
verlängerte Extremitäten
Kalz & Scheibe 2000
mögliche Adipositas (Fettsucht) bei beiden Geschlechtern
Kalz & Scheibe 2000
später einsetzender Epiphysenfugenschluß bei männlichen Tieren
Kalz & Scheibe 2000
häufigeres Auftreten des urologischen Syndroms bei Katern
Kalz & Scheibe 2000
persistierende Adhäsion des Penis am Präputium und fehlende bzw. reduzierte Penisstacheln
Kalz & Scheibe 2000
Kaninchen größere, stärkere Knochen
Rühle 2012
Vergrößerung des Thymus
Rühle 2012




Quellen

Höhne K. (2002): Ultrasonographische Untersuchung von Hoden und Prostata des Hundes unter besonderer Berücksichtigung der Graustufenanalyse, Hannover

Kalz, B.; Scheibe, K.M. 2000: Verwilderte Hauskatzen in einem Untersuchungsgebiet in Berlin-Mitte – Populationsbiologie und Einfluss der Kastration. Vortrag 32. Internat. Tagung angewandte Ethologie der DVG, Freiburg, 9.11.2000, Aktuelle Arbeiten zur artgem. Tierhaltung 2000, KTBL - Schrift 403, 145-152

Meany, M.J., Stewart, J., 1981. Neonatal androgens influence the social play of prepubescent rats. Horm. Behav. 15, 197–213

news-medical.net (Stand Dezember 2010)

Reichler I M (2010): Gesundheitliche Vor- und Nachteile der Kastration von Hündinnen und Rüden,Schweizer Archiv für Tierheilkunde, 152(6):267-272

Rühle A.: Kaninchen würden Wiese kaufen, www.kaninchen-wuerden-wiese-kaufen.de, 22.12.2012

Strodtbeck, Sophie & Gansloßer, Udo (2011): Kastration und Verhalten beim Hund. Müller Rüschlikon Verlag

Sanborn L. J., , M.S. (2007): Long-Term Health Risks and Benefits Associated with Spay / Neuter in Dogs, May 14, 2007