Stress


Kapitel

Definition

Stressantwort

Auswirkungen auf den Organismus

Stress und Tierhaltung



Definition

Gattermann (2006) definiert Stress als ein „durch exogene und endogen Faktoren ausgelöster Belastungszustand, der sich in einer Vielzahl von miteinander gekoppelten spezifischen und unspezifischen physiologischen Anpassungsreaktionen äußert, die von Verhaltensänderungen begleitet werden“.

Stress ist also eine Reaktion auf einen inneren oder äußeren Reiz. Beispiele sind Kälte, eine Infektion, psychische oder physische Belastung. Einwirkungen, die Stress hervorrufen, werden als Stressoren bezeichnet. Sowohl positive als auch negative, schädliche Einwirkungen können Stress bedingen (Niederhöfer 2009).

Wird der Stress als unangenehm empfunden wird oder ist mit einem Schaden für den Organismus verbunden, bezeichnet man dies als Disstress. Stress wird dann zum Disstress, wenn die Stressantwort so viele Energierücklagen benötigt, dass andere biologische Funktionen des Körpers beeinflusst oder nicht mehr adäquat ausgeführt werden. Im Gegensatz zu dem negativ erlebten Disstress steht der positiv bewertete Eustress. Unterschieden wird zudem zwischen akutem und chronischem Stress. Beide Stresszustände können Disstress verursachen (Niederhöfer 2009).

Abbildung 1: Disstress und Eustress. Je nach kosten der biologischen Antwort unterscheidet man in Disstress und Eustress, welche sich jeweils unterschiedlich auf den Organismus auswirken.



Stressantwort

Die Stressantwort kann nach Niederhöfer (2009) in drei Phasen eingeteilt werden:

  1. erkennen des Stressors
  2. biologische Abwehr des Stressors
  3. Situation innerhalb des Organismus als Konsequenz aus der Stressantwort

Die Empfindung und Verarbeitung von Stressoren geschieht über eine Kaskade von biologischen Mechanismen. Zuerst werden Reize über das sensorische System registriert, über neurale Signale in das Zentrales Nervensystem weitergeleitet und dort entsprechende Anpassungsreaktionen bezüglich der Belastung veranlasst (Niederhöfer 2009).

Es gibt nach Niederhöfer (2009) verschiedene Wege der Stressantwort, wobei zwei dominieren:

  • Sympatho-Adrenomedulläre-System (SAM): Kommunikation zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenmark. Es werden Catecholamine (z.B. Adrenalin) ausgeschüttet. Es folgt eine kurzfristige Reaktion auf Belastungen; FFS (Fight and Flight Syndrome); Herzfrequenz und Blutdruck steigen an und versetzten den Organismus in die Lage, dem Stressor mit Kampf oder durch Flucht zu begegnen
  • Hypothalamo-Hypophysen-Nebennierenrinden-Systems (HPA): Ausschüttung von Glucocorticosteroiden durch eine Stimulation des Hypophysenhormons ACTH. Es erfolgt eine längerfristige Anpassungsreaktion; AAS (Allgemeines-Anpassungs-Syndrom). Da keine Kontrolle des Stressors möglich ist, reagiert das Tier mit Frustration und Depression und reduziert sein aktives Verhalten

Welcher der Wege aktiviert wird hängt von der Situation, genetischen Dispositionen, früheren Erlebnissen und allgemeinen individuellen Fähigkeiten ab (Niederhöfer 2009).

So zeigen Beispielsweise männliche Meerschweinchen, die in einer gemischten Gruppe aufwachsen in einer fremden Kolonie eine andere Reaktion als Männchen, die einzeln oder nur mit einem Weibchen aufwachsen. Während die Tiere aus der gemischten Gruppe sich ohne Probleme integrieren und keine Veränderung der Stresshormone zeigen kommt es bei den anderen Männchen zu kämpfen, einem Cortisolanstieg um bis zu 200 % und einer Gewichtsreduktion. Der Unterschied kommt durch das erlernte Sozialverhalten der in den gemischten Gruppe aufgewachsenen Männchen zustande. Sie lernen durch die älteren, dominanten Männchen früh sich aggressions- und stressarm zu arrangieren (Sachser 2008).

Auch soziale Unterstützung spielt eine Rolle. So zeigen soziale Tiere wie Affen eine geringere Stressreaktion, wenn ein vertrauter Sozialpartner anwesend ist. Auch bei Meerschweinchen konnte dieser Effekt gezeigt werden (Sachser 2008).



Auswirkung auf den Organismus

Disstress hat einen generellen negativen Einfluss auf das Immunsystem und das Wohlbefinden der Tiere. Häufiger oder dauerhafter Disstress kann zu Magengeschwüren, kardiovaskulären (Blutkreislauf) Krankheiten, verzögertem Wachstum, Fortpflanzungs- und Verhaltensstörungen und zur Schwächung des Immunsystems führen (Niederhöfer 2009).

Beer (1999) zeigte das Meerschweinchenweibchen, deren soziales Umfeld täglich wechselte wesentlich kürzer lebten. Außerdem kann es bei gestressten Tieren zu Gewichtszunahmen kommen.

Eustress wirkt sich steigernd auf das Immunsystem aus (Tuchscherer und Manteuffel 2000). Kurze Belastungen einhergehend mit ausreichend Ruhepausen sind nicht nur gesundheitlich unbedenklich, sondern auch wünschenswert. Eustress erhöht die Aufmerksamkeit und fördert die maximale Leistungsfähigkeit des Körpers. Auch bei häufigem, langfristigem Auftreten wirkt sich Eustress positiv auf die psychische oder physische Funktionsfähigkeit eines Organismus aus.

Ein gewisses Maß an Stress, z.B. soziale Auseinandersetzung, „Arbeit“ zur Futterbeschaffung, Duftmarken von Feinden etc. gehören zum Alltag eines Tieres und erhöhen die Lebensqualität, solange der Stress zu bewältigen ist (Zulkifli und Siegel 1995), also das Tier Lösungen für ein Problem finden kann. Gerade bei Jungtiere erhöht eine komplexe, anspruchsvollere, aber zu bewältigende Umwelt spätere Belastbarkeit und Lernfähigkeit.

So sind Tiere, die in einer strukturierteren Umwelt aufwachsen und somit mit mehr Reizen konfrontiert werden wesentlich erkundungsfreudiger und machen weniger Fehler bei Problemlösungsaufgaben. Die Ursache dafür liegt in Unterschieden im Zentralen Nervensystem, welches bei Tieren aus strukturreicherer Umgebung in bestimmten Arealen reicher verzweigt ist (Sachser 2008).

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com



Stress und Tierhaltung

Nach Sachser (2008) sind Stress und Wohlergehen wesentliche Aspekte im Leben eines Tieres. Wohlbefinden wird durch die physischen und psychischen Fähigkeiten eines Tieres, mit seiner Umwelt zurechtzukommen beschrieben (Puppe 2003). Dadurch ist Stress ein wesentlicher Maßstab für das Wohlergehen eines Säugetieres. Die Konzentration von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol dienen der Stressanalytik und werden als einer der Indikatoren für das Wohlergehen von Mensch und Tier genutzt (Sachser 2008).

Aufzucht und Halten beeinflussen maßgeblich die Stressantwort. Die obigen Beispiele zeigen wie wichtig ein gesundes Maß an Stressbewältigung für ein Tier und seiner Interaktion mit der Umwelt und damit auch für das Wohlfinden ist.


Sozialer Stress

Für sozial lebende Tiere sind Artgenossen ein äußert wichtiger Umweltfaktor. Artgenossen und deren Verhalten können als Stressoren wirken. In extremen Situationen kann es durch die Anwesenheit eines überlegenen Artgenossen durch stressbedingte Immunsuppression zum Tod des Tieres kommen. Bei vielen Tierarten wie beispielsweise Ratten spielt der Stress ein wesentlichen Faktor bei der Populationsdichte. Durch hohe Populationsdichte und den dadurch entstehenden Stress wird die Reproduktion der Tiere eingeschränkt (Beer 1999).

Die soziale Rangstellung spielt eine wichtige Rolle im Bezug auf sozialen Stress. Soziale Niederlagen und Unterordnung führen bei Tieren zu Stress. So haben dominante Labormäuse niedrigere Cortisolwerte als subdominante Tiere. Allerdings lässt sich daraus keine Allgemeingültigkeit ableiten. So zeigen verschiedene Analysen von Sozialsystemen dass die höhere Belastung rangniedrigerer Tiere häufig nur in Zeiten unklarere Sozialsysteme auftritt, während in stabilen Sozialsystemen subdominante Tiere keiner höheren Belastung ausgesetzt sind. Dabei scheint auch die Populationsdichte eine wichtige Rolle zu spielen (Beer 1999).

©Alexandra Stoffers - flickr.com ©Alexandra Stoffers - flickr.com

Eine Trennung von Sozialpartnern wie dem Muttertier oder dem Bindungspartnern kann zu heftigen Verhaltens- und Stressreaktionen führen. Selbst kurzzeitige Trennung lösen solche Effekte aus, wie Beobachtungen an Rindern zeigen (Beer 1999). Hingegen mindert die Anwesenheit von vertrauten Sozialpartnern durch sozialen Rückhalt die Stressantwort (Sachser 2008).

Für die Tierhaltung lässt sich so schlussfolgern, dass ein Sozialpartner bei sozial lebenden Tierarten essentiell ist und ein wichtiger Faktor in der Haltung. Allerdings führt jedes Zusetzen oder Entfernen eines Tieres in eine Gruppe zu erheblichem sozialen Stress. Es ist daher wichtig auf ein stabiles Gruppenverhältnis zu achten um das Wohlergehen der Tiere zu gewährleisten.




Literatur

Rüdiger Beer : Stress und Life- History weiblicher Hausmeerschweinchen in instabiler sozialer Umwelt; 172 Seiten, Books on Demand GmbH (Oktober 1999), ISBN 3898110648

Birger Puppe (2003): Stressbewältigung und Wohlbefinden - verhaltensphysiologische Ansatzpunkte einer Gesundheitssicherung bei Tieren; Aus dem Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere Dummerstorf; Arch. Tierz., Dummerstorf 46 Sonderheft, 52-56

Gansloßer, Dr. Udo; „Enrichment“ – Tierbeschäftigung nicht nur im Zoo

Niederhöfer, S.: Stressbelastung bei Pferden in Abhängigkeit des Haltungssystems, Hannover 2009

Sachser (2008): Das Wohlergehen der Tiere: In: Ach J. (2008) Die Frage nach dem Tier: Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mensch-Tier-Verhältnis

Tuchscherer M., Manteuffel G. (2000): Die Wirkung von psychischem Streß auf das Immunsystem. Ein weiterer Grund für tiergerechte Haltung. Aus dem Forschungsinslilut ftlr die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN), Dummerstorf