Wildlife


Kapitel


Das Wildmeerschweinchen

Die Familie der Meerschweinchen (Caviidae) unterteilt sich in folgende Unterfamilien und Gattungen:

  • Eigentliche Meerschweinchen (Caviinae)
    • Echte Meerschweinchen (Cavia)
    • Gelbzahnmeerschweinchen (Galea)
    • Zwergmeerschweinchen (Microcavia)
  • Pampashasen (Dolichotinae)
    • Pampashasen oder Maras (Dolichotis)
  • Hydrochoerinae
    • Capybara (Hydrochoerus)
    • Bergmeerschweinchen (Kerodon)


Urheber: 4028mdk09; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 05.2013)
Urheber: Bubamara; Creative Commons-Lizenz; Orginaldatei (Stand 05.2013)
Abbildung 1: Bergmeerschweinchen (Kerodon rupestris)
Abbildung 2: Großer Pampashase (Dolichotis patagonum) Abbildung 3: Capybara (Hydrochoerus hydrochaeris) oder Wasserschwein


Innerhalb der echten Meerschweinchen unterscheiden Woods & Kilpatrick (2005) sechs Arten, wobei sie eine weitere Überprüfung für notwendig halten.

  • Gemeines Meerschweinchen (Cavia aperea)
  • Tschudi-Meerschweinchen (Cavia tschudii)
  • Hausmeerschweinchen (Cavia porcellus)
  • Cavia fulgida
  • Cavia magna
  • Cavia intermedia
Cavia guianae ordnen sie als Unterart dem Gemeinen Meerschweinchen zu. Cavia nana und Cavia anolaimae halten sie für Synonyme des Tschudi-Meerschweinchens bzw. des Hausmeerschweinchens.

Als Cavia cutleri wurden 1835 wilde peruanische Meerschweinchen von Edward Turner Bennett bezeichnet. Johann Jakob von Tschudi differenzierte 1845 in Bennett's Cavia cutleri, welche sich später als farbliche Variation von Cavia porcellus herausstellten und eine andere Art, welche 1867 von Leopold Fitzinger Cavia tschudii genannt wurde.


Die Abstammung des Hausmeerschweinchens ist umstritten (Spotorno et al 2004). Lange Zeit galt das Gemeine Meerschweinchen (Cavia aperea) aufgrund anatomischer und morphologischer Studien zweifelsfrei als Stammform der Hausmeerschweinchen (Künzel & Sacher 2000). Zudem ergaben Kreuzungen zwischen Hausmeerschweinchen und Cavia aperea fertile Nachkommen. Allerdings wurde zwei weitere mögliche Stammformen benannt. Kreuzungen von Hausmeerschweinchen und Tschudi-Meerschweinchen (Cavia tschudii) ergaben ebenfalls zeugungsfähige Nachkommen. Bei Kreuzungen mit Cavia fulgida kamen es allerdings sterile männliche Hybriden heraus (Spotorno et al 2004).

Mit Hilfe molekulargenetischen Untersuchungen wurde die verwandschafltiche Beziehung der Hausmeerschweinchen zu den Wildformen untersucht. Diese zeigen dass wahrscheinlich das Tschudi-Meerschweinchen die Stammform des Hausmeerschweinchens ist (Spotorno et al. 2006; Dunnum & Salazar-Bravo 2010). Untersuchungen von Schädeln und Skelett heutiger und mummifizierter Tiere stützen diese Vermutung (Spotorno et al 2007).



Verbreitung

Echte Meerschweinchen sind in großen Teilen Südamerikas verbreitet, sie fehlen nur im Amazonasbecken und im äußersten Süden des Kontinents.

Vorkommen der nach Woods & Kilpatrick (2005) unterschiedenen Arten:

  • Cavia aperea: Kolumbien, Ecuador, Venezuela, Guyanas, Brasilien, nördliches Argentinien, Uruguay, Paraguay
  • Cavia tschudii: Peru, südliches Bolivien, nordwestliches Argentinien, nördliches Chile
  • Cavia porcellus: möglicherweise verwildert im nördlichen Südamerika (Nowak 1999)
  • Cavia fulgida: östliches Brasilien
  • Cavia magna: Uruguay, Brasilien
  • Cavia intermedia: südliches Brasilien



Habitate

Meerschweinchen sind neotropisch (Guchión 1998). Cavia aperea und Cavia tschudii leben in verschiedenen Regionen in Südamerika in unterschiedlichen Habitaten, darunter Grasländer, Waldränder, Sumpfgebiete und Gebirgsregionen bis zu 5000 Meter über NN (Dittmar de la Cruz et al. 2003).

Nach Tonni (1984) kommt Cavia tschudii in weiten Regionen der Anden vor, vom Norden Perus bis nach Nord-Argentinien in Höhen von ca. 2000 bis 4200 m. Ortiz und Jayat (2012) berichten vor allem von Beobachtungen von Cavia tschudii aus der Yunga, einer Höhenstufe beiderseits der Anden von ca. 500 bis 2300 m Höhe über dem Meeresspiegel. Hier wurden die Meerschweinchen in Regionen auf 400 m Höhe in feuchten Wälder bis in 3000 m Höhe mit Graslandschaften beobachtet.


Nach Thenius (1950) bewohnen wilde Meerschweinchen hauptsächlich mit derbem Graswuchs, dichtem Gestrüpp und Buschwerk versehene Landschaften.

In den Cerrados, der Savannen Zentral-Brasiliens, wurde bei Untersuchungen von Alho et al. (1986) Cavia aperea nur in den Galeriewäldern und überschwemmten Gebieten nahe der Wälder gefangen. Allerdings wurden insgesamt nur sehr wenige Meerschweinchen gefunden.

Untersuchungen von Cavia (2009) Cavia aperea in Buenos Aires zeigten dass die Tiere dort vor allem in ruhigeren Gebieten wie Straßen- und Feldrändern vorkommen. Die Populationsdichte nimmt mit abnehmenden gepflanztem Bewuchs und Bäumen zu. Die Tiere bevorzugen dort Wiesen- und Rasenflächen (Cavia 2009).

Bonaventura et al. (2003) beobachteten Cavia aperea in Schlickgräser-Sumpfgebieten. Diese Gebiet zeichnet sich durch ganzjährige hohe Pflanzendichte aus. Gefangen wurden die Tiere hauptsächlich in Gebieten mit durchgehendem, hohen Schutz durch die Pflanzen. Im argentinischen Grasland und an Straßenrändern bevorzugen die Meerschweinchen Gebiete mit Bauten und hoher Vegetation, was die Gefahr durch Beutetiere reduziert (Bonaventura et al. 2003).

Nach Guchión (1998) lebt Cavia aperea in Kulturlandschaften vor allem im Randbereich von Feldern und Straßen, wobei sich diese Habitate durch zwei grundlegende Komponenten auszeichnen. Zum einen bieten sie in einem Bereich eine hohe und dichte Vegetation, die als Schutz dient und eine anschließende Zone mit niedriger, kurzer Vegetation als Futterplätze.

Cavia tschudii bevorzugt nach Redford et al. (1992) feuchte, felsiges Gelände und dicht am Ufer liegende Habitate. In hohem Gras legen sie Laufwege an, in Argentinien wurden Tiere beobachtet die in Höhlen mit zahlreichen Eingängen leben.



Lebensweise und Verhalten

Cavia aperea sind überwiegend dämmerungsaktive (crepusculare) Tiere. Sie sind vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung aktiv und begeben sich dann auf Nahrungssuche, während sie tagsüber in Höhlen Schutz suchen. Ab und an sind sie bei kühlem Wetter auch tagsüber aktiv (Hesselmann 2010).

Auch Alho et al. (1986) konnten Cavia aperea in den frühen Abendstunden aktiv beobachten, dort suchten die Tiere auf grasbewachsenen Flächen nach Futter.

Nach Guchión (1998) sind Gemeine Meerschweinchen (Cavia aperea) tagaktive Tiere die keine Bauten graben, allerdings verstecken und bewegen sie sich in Tunneln in der Vegetation. Gefressen wird auf den offenen Bereichen aber stets in der Nähe der dichten Vegetation, jeweils in den frühen Morgen- und Abendstunden. Die Reviergröße erstreckt sind über etwa 50 m (Guchión 1998).

Nach Asher et al. (2004) beträgt die Reviergröße männlicher Cavia aperea ca. 600 - 1000 m², die der Weibchen 300 - 700 m². Die Territorien der männlichen Tiere überlappen sich komplett mit denen der gruppenzugehörigen Weibchen, nicht aber mit den Revieren der Nachbargruppen. Die Reviere der Weibchen überlappen sich zu 20 - 60 %. Die Revierverteilung ist sehr stabil, nur sehr selten verirren sich fremde Tiere in die Reviere der dort fest lebenden Gruppen. Allerdings werden von den Männchen nur die Weibchen verteidigt, nicht aber die Reviergrenzen.

Das Verhalten von Cavia aperea ist nach Bonaventura et al. (2003) abhängig vom Habitat. Beobachtet wurde bei Cavia aperea in Schlickgräser-Sumpfgebieten keine saisonalen Veränderungen in Populationsdichte und Körpergewicht. Fortpflanzung fand im ganzen Jahr statt. Die Vegetationsstruktur wird nicht beeinflusst. Anders in Gebieten im Grassland und an Straßenrändern. Dort beeinflusst Futter- und Fluchtwegaktivität die Struktur der Vegetation und schädigt sie. Die Tiere sind gezwungen umzusiedeln. Auch nimmt generell die Biomasse und der Schutz im Winter ab. Dies hat Folgen für die Populationsdichte und Fortpflanzung, welche im Winter abnehmen.


Tabelle 1.: Vergleich der Lebensweise von Cavia aperea in zwei verschiedenen Habitaten nach Bonaventura et al. (2003)

-
Schlickgräser-Sumpfgebiet Offenes Grasland
Fortpflanzungszeit ganzjährig Frühling bis Sommer
Körpergewicht konstant Abnahme im Winter
Populationsdichte konstant Maximum im Herbst, Minimum im Frühjahr
Wanderungen im Habitat/Revierwechsel Nein Ja
Schäden im Habitat Nein Ja


In Untersuchungen von Asher et al. (2004) betrug die Populationsdichte 12,5 Meerschweinchen (Cavia aperea) pro ha. In Gebieten mit weniger Feinddruck kann die Populationsdichte bis zu 6 mal höher sein.


Neugeborene Wildmeerschweinchen sind Nestflüchter. Sie sehen aus wie kleine Adulte und können von Geburt an laufen. Im Alter von acht bis zwölf Monaten sind sie ausgewachsen (Hesselmann 2010).

Cavia aperea leben in Gruppen von vier bis 20 Tieren. Es handelt sich um Haremsgruppen, die sich aus einem Männchen, mehreren Weibchen und einigen Jungtieren zusammensetzen (Hesselmann 2010). Asher et al. (2004) hingegen beobachtete die Tiere (Cavia aperea) hauptsächlich in Paaren oder kleinen Harems bestehend aus einem Männchen und zwei Weibchen. Vermutlich besteht auch bei Wildmeerschweinchen ein Zusammenhang zwischen Populationsdichte (bzw. Umweltfaktoren wie Futterangebot) und verschiedener Gruppenkonstellation (Artikel: Meerschweinchen - Verhalten: Gemeinschaftsleben und Sozialverhalten). Die Weibchen halten engeren Kontakt zu ihren Männchen als untereinander.

Nach Fehr (2007) bilden die Weibchen eine lineare, altersabhängig Hierachie aus, wobei das älteste und größte Weibchen die ranghöchste Position einnimmt. Junge Weibchen sind die rangniedrigsten Tiere. Stirbt das ranghöchste Weibchen kann es zu heftigen Kämpfen kommen, die bei mangelnden Ausweichmöglichkeiten sogar mit dem Tod enden können.


Ernährung

Nahrung ist eine ausschlaggebende Ressource. Sie bestimmt das Energieangebot welches wiederum Wachstum, Reproduktion und andere Aspekte der Fitness beeinflusst. Meerschweinchen fressen selektiv und haben Vorlieben für bestimmte Pflanzen (Guchión & Cassini 1998).

Artikel: Nahrungswahl


Nach Rood (1972) unterscheiden sich die Nahrungsgewohnheiten erwachsener und junveniler Cavia aperea. Jungtiere fressen vor allem Hochstauden wie Aster squamatus, dornige Spitzklette (Xanthium spinosum), Eryngium elegans, Gewöhnliche Kratzdistel (Cirsium vulgare), Löwenzahn (Taraxacum), Sonnenwend-Flockenblume (Centaurea solstitialis) und Elensine tristachya. Erwachsene Meerschweinchen bevorzugen kurzes Gras.

Bonaventura et al. (2003) konnte diese Beobachtung bestätigen.

Auch Guchión & Cassini (1998) beobachtete erwachsene Cavia aperea an Straßenrändern, die bevorzugt kurze Gräser wie Weidelgras (Lolium), Trespen (Bromus) und Rispengräser (Poa) fraßen. Pflanzen wie Klee (Trifolium) und Schneckenklee (Medicago) wurden nur in geringerem Maße gefressen. Daher werden nach Guchión & Cassini (1998) Meerschweinchen zu den Grasäsern (Artikel: Ernährung - Ernährungsweisen) gerechnet

Nach Hesselmann (2010) ernährt sich Cavia aperea von frischer grüner Vegetation und wilden Früchten.




Literatur

Alho C.J.R. , Pereira L.A., Pausla A.C. (1986): Patterns of habitat utilization by small mammal populations in cerrado biome of central Brazil; Mammalia, t. 50, Nr. 4

Asher, M. de Oliveria, E.S. Sachser, N. (2004): Social system and spatial organization of wild guinea pigs (Cavia aperea) in a natural population. Journal of Mammalogy 85(4): 788-796

Bonaventura, S.M., Pancotto, V., Vicari, R., Madanes, N., Bellocq, M., (2003): Demography and microhabitat use of the wild guinea pig (Cavia aperea) in freshwater Spartina densiflora marshes in Argentina. Acta Zool. Sin. 49 (1), 20–31

Cavia R., Cueto G. R., Suárez O. V. (2009): Changes in rodent communities according to the landscape structure in an urban ecosystem, Landscape and Urban Planning

De la Cruz D. K., Ribbeck R., Daugschie A. (2003): Vorkommen und Verbreitung von Ektoparasiten bei Meerschweinchen (Cavia spp.) in Peru, Südamerika

Dunnum J. L., Salazar-Bravo J. (2010): Molecular systematics, taxonomy and biogeography of the genus Cavia (Rodentia: Caviidae). Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research 48 (4): 376–388

Fehr M. (2007): Workshop VI - Belange des Tieres I auf dem Kongress Mensch - Tier

Guichón, M.L. Cassini, M.H. (1998): Role of diet selection in the use of habitat by pampas cavies Cavia aperea pamparum (Mammalia, Rodentia). Mammalia 62: 23-35.

Hesselmann F. (2010): Vergleich der mikroskopischen Anatomie der Haut und Hautanhangsorgane des Hausmeerschweinchens (Cavia aperea f. porcellus) und des Ansells Kleingraumulls (Fukomys anselli) unter Berücksichtigung ihrer Anpassung an unterschiedliche Lebensräume

Künzel C., Sacher N. (2000): Auswirkung der Domestikation auf Verhalten und endokrine Anpassungsreaktionen beim Meerschweinchen

Nowak R. M. (1999). Walker's Mammals of the World (6th ed.). Baltimore, Md.: Johns Hopkins University Press. pp. 1667–1669. ISBN 0-8018-5789-9

Ortiz P.E., Jayat J.P. (2012): Range extension of Cavia tschudii Fitzinger, 1867 (Mammalia: Caviidae) and first record in Catamarca, northwestern Argentina, Check List 8(4): 782–783

Redford, K.H., Eisenberg, J.F. (1992): Mammals of the Neotropics. The Southern Cone, Vol. 2. University of Chicago Press, Chicago

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Spotorno A.E., Marín J.C., Manríquez G., Valladares J.P., Rico E. and Rivas C. (2006): Ancient and modern steps during domestication of guinea pigs (Cavia porcellus L.). Journal of Zoology

Spotorno A.E., Manríquez G., Fernández L., A., Marín J.C., González F. and Wheeler J. (2007:) Domestication of guinea pigs from a southern Peru-northern Chile wild species and their middle pre-Columbian mummies. pp. 367–388 in: Kelt, D.A., Lessa, E.P., Salazar-Bravo, J. and Patton, J.L. (eds.). The Quintessential Naturalist: Honoring the Life and Legacy of Oliver P. Pearson. University of California Publications in Zoology 134:1–981 ISBN 0-520-09859-5

Thenius, E. (1950): Das Meerschweinchen — biologisch betrachtet. Wien (Österr. Zool. Zs. 2, H. 4)

Tonni, E.P. (1984): The occurrence of Cavia tschudi (Rodentia, Caviidae) in the Southwest of Salta Province, Argentina. Studies on Neotropical Fauna and Environment. 19(3): 155-158

Woods C., Kilpatrick W.: Infraorder Hystricognathi. In: Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World: A Taxonomic and Geographic Reference. 3. Auflage. The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2005, ISBN 0-8018-8221-4, S. 1538–1600